Informationen für Eltern 

 

Falsche Trends im Bildungssystem

 

Schule hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Jeder spürt den Druck, die Nervosität und die Hektik. Was ist anders als früher? Seit der ersten Pisa-Studie aus dem Jahre 2001, bei dem deutsche Schüler im internationalen Vergleich enttäuschten, wurde das Schulsystems massiv umgebaut. Der Effizienzgedanke hat seitdem Einzug gehalten. Verkürzte Schulzeit (G8), Nachmittagsunterricht, immer mehr zentrale Prüfungen und Noten für jede noch so kleine Teilleistung. Alles muss vergleichbar und genormt sein. Lehrer ersticken in Dokumentationszwängen und Verwaltungsroutinen. Schüler und Eltern sind nervös, denn ein Scheitern ist nicht hinnehmbar. Noten stehen im Vordergrund, das Lernen gerät zur Nebensache. 

Schule ist auch Spiegel der Gesellschaft, in der alles effizienter und schneller wird, wo es für alles ein „Rating“ gibt. Im Berufsleben soll immer mehr Arbeit in immer kürzerer Zeit von immer weniger Menschen erledigt werden. Kommunikationstechnologien geben das Tempo vor und beeinflussen unsere Entscheidungen. Wir bestellen nicht einmal mehr eine Pizza, wenn der Lieferdienst nicht mindestens 4 Sterne im Online-Vergleichsportal hat. Das Bildungssystem versucht diesem Trend zu folgen und vergisst aber dabei: Lernen braucht Zeit und Ruhe. Es ist fraglich, ob Kinder mehr lernen, wenn man sie bis 17 Uhr in der Schule sitzen lässt. Ebenso fraglich ist es, ob immer mehr Prüfungen und Leistungserhebungen den Lernerfolg nachhaltig erhöhen. 

Nachhilfe verursacht zusätzlichen Stress am Nachmittag, aber für viele Schüler bedeutet der Unterricht eine Entschleunigung. Es wird wieder Ruhe in den Lernprozess gebracht. Das Verstehen und Trainieren, abseits von Lärm, Notendruck und sozialem Stress wird wieder erfahrbar gemacht. 

 

Was ist gute Nachhilfe und was leistet sie?

 

Die meisten Schülerinnen und Schüler bräuchten eigentlich keine Nachhilfe. Der Lernstoff wird in der Schule vermittelt und geübt, zum Trainieren finden sich haufenweise Bücher und auch das Internet ist voll von Informationen, Tipps und Präsentationen. Der Markt an Materialien für selbständiges Lernen wächst rasant, alles wird bunter und anschaulicher, es gibt zu allem ein Video, eine App, einen Pocket Reader, ein Lernspiel, Online-Trainer, Prüfungsplaner, etc.   

Und trotzdem stehen Schüler oft vor einem großen Berg und wissen nicht, wo sie anfangen sollen. Aufgaben sind zu groß und zu kompliziert geworden, der Anschluss ist verpasst und es fällt schwer sich aufzuraffen. Was aber kann ein Lehrer tun? Wiederholt er nicht nur, was in den erwähnten Materialien steht? 

Wir können Schülern den Stoff nicht „verabreichen“. Die Energieleistung, die „Lernen“ bedeutet, muss jeder selber erbringen, genauso wie ein Personal Trainer nicht für uns im Fitnessstudio trainieren und ein Arzt nicht für uns gesünder leben kann. Lernen ist ein Prozess, der – mit oder ohne Nachhilfe – eigene Anstrengungen erfordert, der sich nicht immer genau steuern und planen und somit auch nicht beliebig beschleunigen lässt. Manchmal stellt sich der Erfolg erst nach längerer Zeit ein, vielleicht auch überhaupt nicht. Manche Themen sind auch „einfach schwer“, besonders in der Oberstufe. Da erfordert es dann viel Kraft und vielleicht mehrere Anläufe, um eine Anforderung zu meistern. Wichtig sind Bereitschaft und Motivation der Lernenden. 

Was tut also der professionelle Nachhilfelehrer, wenn Schüler „vor dem Berg stehen“ und nicht wissen, wie es weitergeht? 

  • Er strukturiert Inhalte, zerlegt Problemstellungen in übersichtliche Teile und hilft sie in einer sinnvollen Reihenfolge zu ordnen.
  • Er vermittelt Lerntechniken und Strategien zur Problemlösung. 
  • Der Nachhilfelehrer ist eine Art Lernkumpel, der mehr Erfahrung hat, wenn es um die effiziente Nutzung der grauen Zellen geht. Er kann die Etappen bis zum Ziel besser überblicken und weiß, welche Schritte bis dahin noch zu gehen sind. Er kann einschätzen, ob eine Kompetenz erreicht wurde oder noch weiter geübt werden muss. Er kennt die Anforderungen von Schule, kann die übergeordneten Lernziele der Unterrichtsreihe anhand der Schülermaterialien entschlüsseln und Prognosen über die Anforderungen der nächsten Klassenarbeit anstellen. 
  • Er motiviert und berät Schüler und Eltern, er hilft bei der Organisation und beim Zeitmanagement. Er gibt Feedback zum Kenntnisstand und zeigt Perspektiven. 
  • Er hört zu, lockert auf und sorgt für entspanntes Arbeiten. Er hat das richtige Material zur Hand.
  • Er versucht, die Dinge anders zu erklären, zu veranschaulichen und trotzdem die Verknüpfung zur Schule herzustellen. 

 

Was kann Nachhilfe nicht leisten? 

 

Einmal stand die Mutter eines Schülers zornesrot vor meiner Tür und hielt mir die Mathearbeit ihres Sohnes vor die Nase. „VIER PLUS!!!“, schrie sie mich an. „Mein Sohn stand ohne Nachhilfe auf drei und jetzt vier plus?“ Der 11-jährige Gymnasiast war erst wenige Tage zuvor zu mir gekommen, um für die anstehende Mathearbeit zu üben. Zu meiner Überraschung zeigte sich, dass der Junge kaum Probleme in dem Themengebiet hatte und meiner Ansicht nach gut vorbereitet war. Gegen meinen Rat zerrte die Mutter ihren Sohn die ganze Woche lang täglich in meinen Unterrichtsraum, um ihn mit weiteren Übungseinheiten in Mathe, Englisch und Deutsch zu versorgen. Auch in den anderen Fächern konnte ich keine massiven Lücken bemerken. Die Zensur hat mich auch überrascht. Dennoch empfand ich die einseitige Schuldzuweisung als unfair. Anlass für mich, einige grundlegenden Informationen zur Wirksamkeit von Nachhilfeunterricht zu geben.

 

 

  • Gesunder Ehrgeiz schadet nicht. Überehrgeizige Eltern helfen ihren Kindern jedoch meist nicht, denn zu großer Druck ist kontraproduktiv.
  • „Viel hilft viel“ gilt in der Pädagogik nur eingeschränkt.  Konzentration und Motivation sind keine unendlichen Ressourcen. Zwei Übungsstunden hintereinander sind möglicherweise weniger effektiv als zwei einzelne Stunden über die Woche verteilt.  
  • Die Motivation des Schülers ist entscheidend, nicht die der Eltern.
  • Glück, Pech und Tagesform bei einer Prüfung lassen sich nicht voraussehen.
  • Es gibt beim Lernen keine Garantien. Eine Prüfung ist keine 1-zu-1-Abbildung des vorangegangenen Arbeitsprozesses. Manchmal zeigt sich der Erfolg erst nach längerer Zeit. Auch aus der Hirnforschung wissen wir, dass Lernen nicht in Echtzeit geschieht, sondern dass sich die neuronalen Verknüpfungen im Schlaf bilden.
  • Die Bereitschaft, von einem zunächst fremden Menschen etwas zu lernen, ist nicht immer sofort da. Es braucht eine gewisse Zeit, bis sich eine Vertrauensbasis gebildet hat, bis ein Schüler es „zulässt“ etwas zu lernen.   
  • In der Schule fallen Lücken meistens auf, wenn sie schon ziemlich groß sind. Wie arbeite ich mit einem Schüler, der übermorgen eine Klassenarbeit schreibt, aber über keinerlei Basisfertigkeiten verfügt? Gerade in Mathematik müssen erst grundlegende Kompetenzen aufgebaut werden, bevor der aktuelle Stoff verstanden werden kann. Natürlich bemühe ich ich mich in so einem Fall um Schadensbegrenzung für die Prüfung, aber als Feuerlöscher für den kurzfristigen Einsatz ist Nachhilfe normalerweise ungeeignet.  
  • Lernen ist das Ergebnis eines Wachstumsprozesses. Es lässt sich nicht beliebig beschleunigen. Es ist nicht genau planbar und Noten lassen sich nicht vorhersehen. 
  • Ein Lehrer ist kein Therapeut. Manche Lernschwierigkeiten resultieren aus emotionalen und affektiven Problemen. Nachhilfe ist in so einem Fall nicht grundsätzlich falsch, kann aber keine therapeutischen Maßnahmen ersetzen.